Samstag, 1. September 2012

"Tag der Kenntnisse"

Der 1. September ist in Russland "Tag der Kenntnisse". An ihm beginnen Schulen und Universitäten das neue Jahr mit einem Feiertag, bevor dann am nächsten Werktag (d. h. übermorgen, am 3.9.) der Alltag beginnt. Dieser Feiertag ist wirklich etwas besonderes. Es ist angemessen, Schülern und Lehrern zu diesem Tag zu gratulieren. In die Schule kommen alle in Festkleidung, viele Schüler mit Blumen, um sie den Lehrern zu überreichen. Auch die Stadt ist den ganzen Tag über voll mit jungen Menschen in Festkleidung.
Da wir eine katholische Schule haben, gab es zum Anfang nicht einen bloßen "Festakt", sondern eine heilige Messe mit anschließender Segnung der Hefte, Bücher, Stifte usw., v. a. aber mit individueller Segnung der Schülerinnen und Schüler. Es traf sich sehr gut, dass gerade heute das Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14-30) vorgelesen wurde.
Nach dem Gottesdienst blieben alle noch in der Kirche, denn es schloss sich der kleine Festakt an, zu dem die Erstklässler nach vorne gebeten wurden. Sie wurden feierlich begrüßt, trugen ein kurzes Gedicht vor und bekamen von den Schülern der letzten (=11.) Klasse symbolisch ihr Lese-und Schreib-Lehrbuch überreicht. Auch die Elftklässler wurden beglückwünscht. Ihre Klassenlehrerin wünschte ihnen, dass sie gute Entscheidungen treffen und dabei im Einklang mit sich selbst, mit ihren Familien und mit Gott sind.
Dann kam der feierliche Abschluss, der Ruf: "Zovi, pervyj zvonok" (Erklinge, erster Glockenklang!) und das symbolische Erklingen (ein Elftklässler trug eine Erstklässlerin auf den Schultern, die mit einem kleinen Glöckchen läutete). Daraufhin gingen alle zu einer kurzen Stunde in ihre Klassen, und schließlich trafen sich Lehrerinnen und Lehrer und alle anderen Mitarbeiter der Schule zu einem kurzen Teetrinken.

Mittwoch, 15. August 2012

Katholische Schule in Sibirien

Noch zwei Wochen sind Schulferien, aber allmählich geht es konkret an die Vorbereitungen für unseren Einstieg in das "katholische Gymnasium Tomsk". Mit Sr. Irina habe ich mich abgesprochen, was den Religionsunterricht angeht (sie nimmt die jüngeren Klassen, ich die 9.-11.) und wie die Themen aussehen könnten. Erste Ideen gibt es, wie eine Schulseelsorge gestaltet werden könnte, und vielleicht auch schon Pläne für eine Fahrt mit einigen der ältesten Schüler.
Das Wichtigste bleibt aber noch zu tun: Die Pfarrei, die bisher die Schule trägt, will das neue Gebäude nun dringend zu Ende bauen. Eigentlich sollte die Schule schon am 1.9.2011 umziehen, dann hieß es: Anfang 2012, dann: 1.9.2012, jetzt wird es wohl der 25.9. Aber ich denke, es gibt Grund zur Zuversicht. Ich werde es berichten...

Montag, 2. Juli 2012

Nun also Tomsk - hoffentlich für lange...

"Unsere Berufung ist es, verschiedene Gegenden zu bereisen". So hieß es bei den ersten Jesuiten. Demnach wäre ich wenigstens in dieser Hinsicht ein guter Jesuit. Letzte Woche war ich in Tscheljabinsk am Ural, um dort Freunde zu besuchen. Die Zugfahrt war, wie immer, anstrengend, aber interessant. Von Moskau bis Ufa (etwa 30 Stunden Strecke) war der Zug voll mit Soldaten, die ihren Dienst beendet hatten und zu ihren Familien zurückkehrten. Die meisten von ihnen waren Baschkiren, also Muslime. Das hatte den erfreulichen Nebeneffekt, dass sie nüchtern blieben. Aber witzig war es andererseits, dass sie nur mit Boxershorts und Badeschlappen (es war im Waggon über 30° warm), dafür aber mit militärischem Barett samt Abzeichen durch den Zug liefen. Die meisten von ihnen, scheint mir, waren im Grunde einfach noch Kinder.
In Tscheljabinsk hatte ich die Möglichkeit, mit einigen Leuten aus der Pfarrei ausführlich zu sprechen. Man sieht sich ja selten, die Entfernungen sind einfach zu groß (von Tscheljabinsk bis Novosibirsk 22 Stunden), aber man ist doch bald vertraut miteinander. Beeindruckend ist in der Pfarrei von Tscheljabinsk die Jugendarbeit, wo bei einigen dann auch die Frage nach der Berufung im Raum steht, und die Caritas, die z. B. ein Mutter-Kind-Heim betreibt oder deren Mitarbeiterinnen junge Mütter im Gefängnis besuchen, um mit ihnen in Gruppen das Mutter-Sein einzuüben.
Von Tscheljabinsk bin ich dann nach Novosibirsk gefahren und schließlich nach Tomsk. Hier helfe ich nun den Sommer über in der Pfarrei mit, und ab September werde ich ja dann studieren und in der katholischen Schule unterrichten. Darauf freue ich mich sehr. Die Stadt ist viel kleiner als Novisibirsk und viel älter. Aber dazu mehr, wenn ich sie besser kennengelernt habe...

Mittwoch, 20. Juni 2012

Nach langer Funkstille...

Nun habe ich mehr als einen Monat nichts von mir hoeren lassen, da wird es wieder einmal Zeit. Aber wie schon an den fehlenden Umlauten zu erkennen, sitze ich nicht am eigenen Computer, sondern bin wieder einmal auf Reisen.
Die Zeit seit Mitte Mai war sehr erfuellt. Zunaechst habe ich unseren Seminaristen zwei Einkehrtage gegeben, zum Abschluss des Studienjahrs. Das war fuer sie wichtig, damit sie noch einmal ueber ihren weiteren Weg nachdenken konnten. Zwei von ihnen fahren im September nach St. Petersburg, um dort zu studieren. Zwei bleiben in Novosibirsk, aber auch mit diesen werde ich ja nicht mehr viel zu tun haben, weil meine Aufgabe als Spiritual jetzt beendet ist (hier endet das Schul- und Studienjahr immer Ende Mai). Unsere Frage ist: Was nehmen sie mit? Was haben sie gelernt, was ihnen hoffentlich fuer ihre Zukunft helfen wird?
Danach habe ich Mutter-Teresa-Schwestern in Novosibirsk Exerzitien gegeben. Bei ihnen ist beeindruckend, wie sie von ihrer Arbeit fuer Alkoholkranke und Arme erzaehlen. Anfang Juni habe ich dann selbst Exerzitien in Moskau gemacht und dann bis 19. Juni westlich von Moskau, fast auf dem Land, Exerzitien gegeben.
Nun fahre ich mit dem Zug erst nach Tscheljabinsk am Ural, um Freunde zu besuchen, und von dort aus nach Tomsk. Ein neuer Anfang...

Montag, 14. Mai 2012

Edith Stein in Sibirien

Eine Mitarbeiterin unseres Kulturzentrums, Lina, hatte die sehr gute Idee, eine zweitägige Konferenz zur Philosophie von Edith Stein zu organisieren. Natürlich war es gar nicht so leicht, Leute zu gewinnen, die dazu etwas zu sagen haben. Die Idee, aus Deutschland oder Österreich jemanden einzuladen, haben wir nach etwas Zögern verworfen, und stattdessen einheimische Professoren und Doktoranden zusammengerufen, die sich auf Phänomenologie verstehen. Das hat dann dazu geführt, dass wir einige hochspezialisierte Vorträge hatten, die immerhin etwa 15 Gäste angezogen haben (eine sehr hohe Teilnehmerzahl), aber auch einen Besuch in der Synagoge haben wir in diesem Rahmen organisiert.
Ein paar Schocks gab es zwar auch: Einer der Professoren hat wohl erst vor wenigen Tagen ein Flugticket aus Chanty-Manssijsk gekauft, was weit weg liegt und schwer zu erreichen ist (etwas teurer, als wir gedacht hatten, über 400 €), zwei Dozenten sind am Samstag abend nicht in dem Haus aufgetaucht, wo sie übernachten sollten, aber das gehört dazu ...
Insgesamt ist es uns gelungen, ein Wochenende zu organisieren, das insgesamt 60-70 Leuten, Katholiken wie Nichtkatholiken, von Jung bis Alt, Akademikern und Nichtakademikern, eine Begegnung mit der Philosophin und Heiligen, Jüdin und Christin Edith Stein sowie mit der Kultur und Religion des Judentums ermöglicht hat.

Mittwoch, 9. Mai 2012

9. Mai - "Tag des Sieges"

Am Abend des 9. Mai ging ich mit einem anderen Priester spazieren. Als wir zwei junge Katholikinnen trafen, riefen sie uns zu: "herzlichen Glückwunsch zum Feiertag!" Der andere Priester meinte, das sei Spott über mich, denn schließlich wird an diesem Tag ja der Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland 1945 gefeiert. Aber das habe ich nicht so empfunden, und zwar natürlich auch, weil die Niederlage Hitlers ernsthaft niemand bedauern kann, aber nicht nur deshalb. Denn zwar ertönt in der Stadt teilweise Militärmusik, es fand am Vormittag eine Militärparade statt mit Panzern und allem, was dazugehört. Aber die Stimmung insgesamt ist doch friedlich: Meistens singen auf Bühnen Kinder, Luftballons und Zuckerwatte werden verkauft, es ist wie bei einem Volksfest. Und das schönste: Die Hauptstraße, der "rote Prospekt", ist einmal für einen Tag lang (jedenfalls nach der Parade) in der Hand der Fußgänger. Aber damit nun Schluss für heute, denn gleich ist Abendgebet, und danach möchte ich mir noch das Feuerwerk anschauen.

Dienstag, 1. Mai 2012

Anton Tschechow

Da nun die Entscheidung gefallen ist, dass ich ab Herbst in Tomsk ein Aufbaustudium in russischer Literatur machen werde, habe ich bereits angefangen, mich insbesondere mit dem Autoren zu befassen, über den ich dann auch besonders arbeiten werde: Anton Pawlowitsch Tschechow (1860-1904) ist ja auch im deutschen Sprachraum recht bekannt für seine Theaterstücke, v. a. die "Möwe". Weniger bekannt sind seine Erzählungen, von denen aber manche wahre Goldstücke sind. Besonders hat er viele kurze Erzählungen über Beamte geschrieben, worin es ihm immer wieder um die innere Unfreiheit geht, um den Geltungsdrang und das Bedürfnis, sich gegenüber Vorgesetzten konform zu zeigen. Auch einige längere Erzählungen hat Tschechow geschrieben, so "Steppe": hier geht es darum, wie ein Schüler durch die Steppe in eine fremde Stadt reist, um dort aufs Gymnasium zu gehen, und wie dadurch ein neues Leben anfängt, oder "Duell": zwei Feinde kommen beim Duell gerade noch mit dem Leben davon und fangen ganz neu an, oder schließlich: "Krankenzimmer Nr. 6", eine Erzählung vom Umgang mit (vermeintlich) psychisch Kranken, von mangelnder Tatkraft und schließlich Rebellion. Tschechow stand zwar der Religion distanziert gegenüber, aber seine Texte haben doch, scheint mir, eine prophetische Dimension und Anklänge an Altes und Neues Testament. Aber am besten: einfach lesen ...